17 Bücher aus Brusilow

17 Bücher aus Brusilow

-        Gedanken am Antikriegstag 2022

 

Geordnet haben sie alles, die Nazis, das weiß ich.

Geliebt haben sie diese Ordnung, durch die nachher die Welt keineswegs mehr in Ordnung, sondern derart aus den Fugen war, dass wir daran heute zu beißen haben.

„17 Bücher“ steht als oberstes auf dem „Inhaltsverzeichnis zu den Nachlaßsachen des Obergefr. Kurt Länge“, die am 4.11.1943 an meine Großmutter geschickt wurde, nachdem ihr ältester Sohn am 14. Oktober 1943 in der heutigen Ukraine zwischen Shitomir und Kiew „gefallen“ war.

 

„Gefallen“ – welch unglaubliche Verharmlosung der Schreckensendgültigkeit des Todes eines sportlichen Vierundzwanzigjährigen.

Wer fällt kann auch wieder aufstehen – zumindest, wenn man ihm wieder aufhilft.

 

Aber Kurt, der Bruder meines Vaters, ist nicht wieder aufgestanden – sie haben ihn begraben – auf dem „Heldenfriedhof Brusilow“ zwischen Kiew und Shitomir.

 

 

Auf dem langsam verbleichenden schwarz-weiß-Foto mit dem gezackten Rand sieht man mindestens sechs Särge – mindestens sechs Gefallene also – mindestens sechs Söhne von Müttern mit und ohne Mutterkreuz, die ihre Söhne nach den Schrecken des 1. Weltkrieges sicherlich nicht dafür unter Schmerzen geboren hatten, damit sie im fernen Russland sterben.

Kurt Länge 1. September 1919 Laichingen - 14.10.1943 Ljutsch/Russland; Aufnahme 1942 in Dnjepropetrovsk/Russland im Alter von 23 Jahren (Privatfoto)
Kurt Länge 1. September 1919 Laichingen - 14.10.1943 Ljutsch/Russland; Aufnahme 1942 in Dnjepropetrovsk/Russland im Alter von 23 Jahren (Privatfoto)

Meine Großmutter, die ich leider nicht kennenlernen konnte, wollte gewiss keinen Krieg – nicht noch einen. Hatte doch ihr Mann wenige Jahre zuvor in den Vogesen sein Bein verloren – er war nicht gefallen, man hatte ihm aufgeholfen und ein Holzbein verpasst. Drei Söhne und zwei Töchter konnten sie danach noch bekommen.

 

Kurt, der älteste wurde am 1. September 1919 geboren. Wer konnte ahnen, dass nur zwanzig Jahre nach dem Tag, an dem die britische Regierung die Einfuhrbeschränkungen nach Deutschland aufhob und damit die Seeblockade beendete, die im Ersten Weltkrieg Deutschland von der Zufuhr von Rohstoffen und Lebensmitteln abgeschnitten hatte, Deutschland wieder einen Weltkrieg beginnen würde.

 

 

 

Kurt besuchte die Gaisburger Schule in Stuttgart, den CVJM in Gaisburg, wurde am 18. März 1934 in Gaisburg konfirmiert und spielte in der A1 Jugend des „VfR Gaisburg“. Eine von Reichspräsidenten Hindenburg unterschrieben Ehrenurkunde zeugt von seinem 1. Platz beim Dreikampf 1931 bei den „Reichsjugendwettkämpfen. Familienfotos zeigen Kurt auf Skiern, beim Wandern, mit dem Faltboot auf dem Neckar beim Kicken mit Sportkameraden und bei der Tanzstunde mit Verehrerinnen und immer wieder mit seiner „Bäby“, die ihrem „lieben Kurt“ drei Foto mit der Aufschrift „zum ewigen Andenken an Dein kleines, braunes „Bäby“ schenkt . Ein "streng persönlich“-Ausweis als „ordentliches Mitglied des Kiebitz-Klubs“ berechtigt ihn „sich in jedes Spiel wie Skat, Doppelkopf, Bridge, Poker, Tarok, Romé hineinzumischen“.

 

Nach der Schule macht Kurt eine Ausbildung zum Automobilmechaniker bei Theodor Renz in Bad Cannstatt und bei der Hanomag-Vertretung Carl Hörz. Bei Otto Häusser in der Neckarstraße 156 – direkt am Stöckach - bekommt er seine erste Anstellung als Automechaniker. Als ältester Sohn wird er vielleicht in die Fußstapfen des Vaters treten. Mit dem Lehrherrn lässt er sich vor einem großen Fahrzeug fotografieren, Chefin Häusser posiert für ihn mit einem Hasen vor dem Shell-Schild.

Da ist viel Lebenslust spürbar, viel Energie, die brauchbar und einsetzbar ist und die Kurt gerne geben möchte.

 

Das Wehrbereichskommando Stuttgart II mustert den neunzehnjährigen "Dienstpflichtigen" am 10. Juli 1939 und entscheidet „tauglich – Ersatzreserve I“. Noch mehr als ein Jahr bis zu seiner Volljährigkeit, aber „tauglich“ - Kurt taugt als Kanonenfutter für den Krieg, den Hitler-Deutschland am Tag seines 20.Geburtstag beginnen wird. Mit dem Tag seiner Musterung wird Kurt zum Reicharbeitsdienst herangezogen und damit militärisch vorerzogen.

 

Was der kriegserfahrene Vater bis dahin verschwieg, lernt Kurt ab dem 4. Oktober 1940 im fernen Celle bei der „3. Batterie Nebel-Ersatzabteilung 1“ kennen, wo er am 16. Oktober 1940 vereidigt wird. Vom Ersatz über das „Nebel-Lehrregiment2" geht es im Januar 1941 zügig in die „Feldabteilung 1. Werfer-Lehrregiment“ nach Russland. Bald weist sein Wehrpass die Ausbildung an zahlreichen Waffen aus und zahlreiche Lehrgänge – auch die des Minensuchers – aus.

(Privatfoto)

Unter „mitgemachte Gefechte“ findet sich eine Aufzählung, die man einkleben und einklappen musste – so umfangreich ist die – und es wird einem schlecht beim Lesen. 

 

 

Der schon notierte „Durchbruch bei Miropol“ und der „Vorstoß bei Uman“ wurde gestrichen.

 

 

 

Am 8. September 1941 bei den „Abwehrkämpfen im Brückenkopf Dnjepropetrowsk und der Sicherung des Dnjeprbogens“ wird Kurt verwundet – ein Granatsplitter im Oberschenkel. Zum Hause in Stuttgart hat der Vater, dem einst der spätere „Reichsstatthalter“ Murr das Leben gerettet hatte, den Granatsplitter, der ihm am Hartmannswiller Kopf in den Vogesen das Bein zerfetzte, kunstvoll zu einem Brieföffner umgearbeitet – versehen mit Namen und „Vogesen“-Schriftzug. Kurt weiß das, weiß vermutlich auch, was ihm weiter blühen kann, aber er geht weiter der Krieg und er ist mittendrin.

 

 

Da gibt es Fotos von Tagen, an denen Hunger, Kälte und Heimweh auf den Fotos nicht zu sehen sind: Ein Foto zeigt die Soldaten bei Schlachten von zwei riesigen Sauen. Gekauft haben sie die sicherlich nicht bei den russischen Bauern nach der Eroberung von Taganrog am 17. Oktober 1941.

(Privatfoto)

 

 

Auch das sehr junge russischen Mädchen mit dem Kopftuch, das so ängstlich in die Kamera schaut, derweil Kurt sie mit starken Armen und bloßem Oberkörper fest von hinten an beiden Armen packt. Sie hat sich sicher nicht freiwillig zu dem Soldaten, der seine Uniformmütze aufbehält, auf den Schoß gesetzt auf seinem Krad. Was mag er ihr und andere Frauen angetan haben dort im fernen Russland, in der Ukraine, in der heute dasselbe geschieht wie damals. „Ruski Malenki“ steht daneben. Sein Bruder Siegfried, der den Begriff der "kleinen Russin" neben das Foto geschrieben hat, weiß wie das zugeht, weil er ja auch „im Osten“ den Krieg am Laufen hält bis er verwundet in die Heimat gebracht wird. (Privatfoto)

 Als Gerhard, der jüngste der drei Brüder, der Kurt zum Verwechseln ähnlichsieht und der ihn verehrt und ihm nacheifert in allem, erfährt, dass die Einheit seines Bruders in der Nähe ist, macht bei einer Fahrt als Krad-Melder heimlich einen „Schlenker“, um vielleicht sein Vorbild nach langer Zeit wiederzusehen. Er trifft die Einheit nicht mehr an – die Rote Armee hat den Rückzug der Hitlertruppen erzwungen. (Kurt Länge rechts - Privatfoto)

Einen oder zwei Tage später „fällt“ Kurt „getreu seinem Fahneneid in soldatischer Pflichterfüllung für das Vaterland“ - wie Oberleutnant und Batteriechef Kurt Klein am 18. Oktober 1943 meinem Großvater schreiben wird und er nennt ihn „unersetzlich“. Er schreibt tatsächlich „Sehr geehrter Herr Länge!“ Die Mutter, die Kurt unter Schmerzen geboren und aufgezogen hat, die getrennt vom Vater ihrer Kinder lebt, die Tag und Nacht Näharbeiten verrichtet, um durchzukommen, deren drei Söhne in Russland kämpfen und deren Tochter um ihren Mann bangt, der ebenfalls in Russland „fallen“ wird, wird gar nicht angesprochen. „Möge die Gewißheit, dass Ihr Sohn sein Leben für die Größe und den Bestand von Volk, Führer und Vaterland hingegeben hat, Ihnen ein Trost sein“.

 

Mir ist es kein Trost. Ihr war das mit Gewissheit auch keiner. Dem Großvater vielleicht?

 

Ja, ich bin eine Nachgeborene.

Mein Vater hat überlebt – den Krieg, den Führer und das was dieser unter Vaterland verstanden hat.

Über das was er da erlebt hat, hat er nie gesprochen, auch mit meiner Mutter nicht. Aber in allen Schlägen, die ich – oft wegen Nichtigkeiten – in meiner Kindheit habe über mich ergehen lassen müssen und wegen der ich noch vor meinem Schulabschluss heimlich das Elternhaus verlassen habe, habe ich die Aggression und unbändige Wut und Rohheit gespürt, die der Krieg und die Nazizeit aus meinem 1922 geborenen Vater gemacht haben. 

 

Dass er seinen Bruder Kurt noch einmal sehen wollte und deshalb den gefährlich, unerlaubten „Schlenker“ gemacht hat, das hat er oft erzählt und mich zu der Phantasie veranlasst, dass Kurt vielleicht gar nicht tot ist, sondern einer der „Spätheimkehrer“ sein wird, für den ich die blassgrüne Wachskerze mit dem schwarzen Plastikfuß in der Schule kaufe und zu Hause ins Fenster stelle. Aber es wurde nicht wieder gut.

 

Als Kind kenne ich die Fotos von Kurt noch nicht. Schon gar nicht die aus Russland. Den sorgsam angelegten „In memoriam Kurt Länge 1919 – 1943“-Ordner erbe ich erst später von meinem Onkel Siegfried nach seinem Tod.  Darin finden sich neben dem letzten Brief von und an Kurt, das Verwundetenabzeichen mit Band auch viele handschriftliche Briefe an die starke Großmutter, die ich so gerne auch gekannt hätte.

 

Wer nimmt mit Großmutter Barbara, die man „Babette“ nennt, teil am Trauergottesdienst am Sonntag, 7. November 1943 in der Gaisburger Kirche?

Wie viele Mütter trauern dort noch um ihre Söhne, den „Heldentod fanden“ wie es die kleine Zeitungsanzeige der Familie nennt? Wie viele Mütter trauern in Russland um ihre Söhne?

Wie viele in Polen, in England, in Frankreich, in Jugoslawien, in Spanien, in Marokko, in Italien, in Amerika, in Japan und anderswo?

 

Was hat Großmutter Barbara mit den „Nachlassachen“ ihres Erstgeborenen Kurt gemacht?

17 Bücher bekam sie zurück aus Brusilow.

17 Bücher hatte Kurt mit sich im fernen Russland. Das Lesen war ihm wohl wichtig. Welche Bücher er wohl ausgewählt hatte?

13 Schachteln Zigaretten, 2 Päckchen Tabak und ein Feuerzeug blieben übrig für die Mutter, die nicht rauchte, von ihrem Sohn aus dem fernen Russland, der vierundzwanzigjährig als „Kanonenfutter“ verheizt wurde.

3 Filme – das Fotografieren hatte ihm Spaß gemacht. Sogar von seiner Beerdigung aus dem „Heldenfriedhof Brusilow“ gibt es drei Fotos, die ihr Kurts Freundin Hildegard Zimmermann aus Celle am Heilig´ Abend 1943 schickt.

Zwei Brieftaschen, 101,90 Reichsmark, die getrennt übersandt wurden, 1 Füller, 1 Siegelring, 1 Verwundetenabzeichen, 1 Taschenmesser, 2 Kämme, 2 Tuben Zahnpaste, 2 Tuben Hautcreme, 1 Glas Hautcreme, 1 Sporthemd, 1 Sporthose 1 „Sommerfeldbluse“ – das alles bekam sie zurück, nicht aber ihren Jungen. Ihren geliebten Sohn.

 

Wenn die Welt sich ändern soll, friedlicher werden und die Menschheit überleben soll, dann ist es unabdingbar, dass die Nachgeborenen aus den Erfahrungen ihrer Väter und ihrer Großmütter lernen und die richtigen Schlussfolgerungen für ihr Leben ziehen – auch wenn weder Väter noch Mütter, noch Großväter oder Großmütter in der Lage sind, zu erzählen, geschweige denn Fragen einer neugierigen Tochter und Enkelin zu beantworten, die sich nicht mit kurzen oder vagen Erklärungen abspeisen lässt und die sich fest vornimmt, sollte sie einmal ein Kind haben, dann wird sie es nicht für einen Krieg hergeben. Sie wird alles daransetzen, dass dieses Kind friedlich und ohne Gewalt aufwachsen kann, dass es die die Vielfalt menschlichen Lebens und der Natur kennen und schätzen lernt.

 

Ob mich meine Großmutter unterstützt hätte dabei, zu verhindern, dass mein Sohn den Wehrdienst machen und sich an einer Waffe ausbilden lassen muss in einer Zeit, in der die USA den Irak besetzen und ein dritter Weltkrieg bedrohlich möglich erscheint?

 

Ob sie stolz wäre, dass ihre Enkelin sich als Teil einer Friedensbewegung versteht, die sich sicher ist, dass man Frieden niemals mit Waffen, sondern immer nur durch Verständigung schaffen kann?

 

Ganz sicher bin ich, dass die starke Großmutter voll Liebe war und ihre große Liebe zur Natur und den Menschen, die sich in ihren Schreiben ausdrückte - wie ich ganz sicher weiß, dass es die Liebe ist, die die Macht hat, Kriege zu verhindern und zu beenden und dass es gilt, Liebe zu leben und weiterzugeben, wenn das „Nie wieder!“ Wirklichkeit werden soll.

 

Wenn ich nur wüsste, ob in einem der 17 Bücher, die Kurt bei sich hatte, auch von der Liebe geschrieben stand. In seinem Gedanken war sie, das zeigen seine Briefe.

 

Meine Großmutter hat Kurt heute vor 103 Jahren geboren.

Das ist lange her und doch so nah.

 

Wo Onkel Kurt liegt, wird heute wieder gekämpft - mit deutschen Waffen, mit russischen Waffen - und Hass wird geschürt gegen die Liebe, gegen das Verstehen und gegen das Leben.

Wo Kurt geblieben ist, bleiben heute wieder die Hoffnung auf ein friedliches Leben, ein glückliches Aufwachsen der Kinder und auf eine Zukunft für die Enkelkinder aus der Strecke.

 

Wo man Kurt hingeschickt hat in einen Krieg für die Mächtigen und Reichen, die noch mächtiger und noch reicher werden wollten, lassen heute wieder Mächtige und Reiche junge Menschen kämpfen, nicht weil diese das wollen, sondern weil die Mächtigen und Reichen es sich leisten können, Automechaniker wie Kurt und junge Mädchen wie das auf dem Foto in der Ukraine, „über die Klinge springen zu lassen“, damit die Reichen reicher und die Mächtigen mächtiger werden.

Dass unsere Menschheit darüber immer ärmer wird an Liebe, an Entwicklung und Überleben, das kümmert sie nicht, denn ihre Gier ist übermächtig und ihr Interesse betrifft nur sich selbst und ihr erbärmliches Leben, das auch nicht mehr als 100 Jahr dauern wird.

 

Was außer den persönlichen Sachen von Kurt mit den 17 Büchern aus Brusilow mitkam und die Zeit und das Schweigen überdauert hat, ist der unbedingte Wille zu Frieden und die Kraft, die sich überträgt, mich für den Frieden auf der Welt einzusetzen und dies an meine Enkelin weiterzugeben, der ich ein glückliches Leben in Frieden und Freiheit wünsche. Sie wird gewiss dazu beitragen.

 

Donatus Angele, 1. September 2022